heilig, heilig Verherrlichung und Vergeistlichung in der Kunst
Ana Banica
Frank Bauer
Michel Carré
Dimitrij Dihovichnij
Frank van Hemert
Tobias Hermeling
Judith Maria Kleintjes
Razeea Lindner
Wolfgang Schäfer
Michael Strauss
Thomas Virnich
Jindrich Zeithamml
Göttliche Wahrheit und gebrochene Schönheit
Eine Suchbewegung
Plötzlich taucht die Frage der Religion wieder auf. "Nun sag, wie hast du´s mit der Religion?" - die Gretchenfrage an Faust stellt sich heute erneut. Was längst als abgehandelt und überwunden betrachtet wurde, erscheint mit neuer Brisanz und Unausweichlichkeit. In der Westlichen Welt begeht man das "Darwin-Jahr", und im Licht der Erkenntnis der umfassenden Evolution stellt sich die Frage nach der Schöpfung erneut. In dem Maße wie der islamische Fundamentalismus sich aggressiv ausbreitet und dabei die Religion als politischen Faktor einsetzt, sieht sich der Westen gezwungen, sich wieder mit der Frage nach der Religion auseinanderzusetzen - mit der fremden, wie mit der eigenen. Da geht es nicht nur um Kopftuchverbote und Islamunterricht. Soll in der neuen europäischen Verfassung ein Bezug zu Gott und Kirche verankert werden? Die Frage des Glaubens aber ist nicht nur eine persönliche ("Wir alle glauben heimlich", Slavoj Zizek), sondern taucht überall da wieder auf, wo es um gemeinsame Werte und neue Verbindlichkeit geht. Von der Gentechnik über die Sterbehilfe zur Diskussion um eine europäische Verfassung zeigt sich überraschend: das glaubenslose Zeitalter ist vorbei.
Was aber hat die Kunst damit am Hut?
Nun ist es bei Fragen komplexerer Natur immer probat, auf die Tradition zu verweisen. Zum Beispiel auf den einflußreichen Kirchenlehrer Dionysius Areopagita. dessen Gottesbegriff gründete auf der Synthese von Wahrheit und Schönheit, von Theologie und Ästhetik. Im Gegensatz zu Augustinus und Boethius sprach er dem göttlichen Einen, das er mit dem von der Sonne kommenden Licht verglich, aber keine weiteren Eigenschaften zu, auch nicht des Seins, Denkens oder der Liebe. Seine mystische Theologie fordert dazu auf, das Sinnliche als Gleichnis oder Zeichen für das Unbenennbare zu nehmen und vom Gegebenen zum Nichtgegebenen aufzusteigen. In einem Prozess der Reinigung steige der Mensch zur Einsicht in die kosmische Harmonie auf. Ebendieser Dionysius Areopagita, ein nicht weiter bekannter neuplatonischer Autor einer Sammlung von Büchern, die wohl bald nach 500 entstanden sind, wurde damit zum Urvater der Negativen Theologie. Und die könnte uns hier, wo es um zeitgenössische Kunst und ihr Verhältnis zur "Verherrlichung und Vergeistigung " geht, in besonderem Maße interessieren. Denn die Negative Theologie warnt vor falschen Erwartungen. Sie sagt, was nicht von Gott gesagt werden kann. Das Sprechen über Gott kann nämlich eine gefährliche Sache sein. Weil die Sprache aus dem höchsten Wesen leicht ein "Like me" Wesen macht und weniger die Momente der Unähnlichkeit zum Ausdruck bringt.
Hat es die Kunst, die bildhafte Darstellung, da etwa leichter?
Und wo lägen etwa die Vorteile gegenüber jeder textlichen oder sprachlichen Annäherung an Gott? Wenn man also Gott schon nicht in den Formeln erkennen kann, in denen er sich ausdrückt, vielleicht hilft da die Kunst weiter? Zumindest könnte sie das Widerständige, Ungeheure und das Schöne an Gott uns vor Augen führen und ihn so seiner Verharmlosung entreißen.
Allenthalben läßt sich eine Rückkehr des Religiösen bemerken. In der Politik, in der Literatur in der Popmusik und Popkultur, sogar in den Naturwissenschaften und selbstverständlich auch in der Bildenden Kunst. So etwa im letzten Sommer in der großen wie groben Übersichtsschau "Traces du sacré". Die Ausstellung im Pariser Centre Pompidou trug später im Haus der Kunst in München den Titel "Spuren des Geistigen", womit die Weichspülung des Themas dokumentiert wäre.
Die Ausstellung "Heilig, Heilig" verfolgt aber weniger das diffuse Bedürfnis nach Spiritualität und Transzendentalem, das die Menschen in Weisheitslehren und esoterischen Heilsverkündigungen suchen und das sie in Meditationswochenenden und auf fernöstliche Erweckungsreisen treibt. Sie fragt vielmehr nach einer zeitgenössischen Kunst, die dezidiert die Tradition des christlichen Glaubens aufgreift. Also die Kunst erneut in Anspruch nimmt für die christliche Botschaft. Kann die Ästhetik mehr als ästhetisch sein? Kann contemporary mehr sein als das "Gegenwartserlebnis" des Betrachters und die Erhöhung seines Selbst? Die Frage rührt an das Substitut der Autonomie, also an die zentrale Errungenschaft, die die Moderne auf ihrem langen Weg aus den Fesseln der (kirchlichen und höfischen) Auftragskunst gemacht hat. Die Frage nach dem Heiligen gibt eine missionarische Richtung vor. Eine neue Synthese von Wahrheit und Schönheit wird gesucht. Die Wahrheit hieße dann nicht mehr vergöttlichte Gegenwart, Aufgehen im säkularen Hier und Jetzt und die Schönheit bedeutete nicht mehr Steigerung des Ichs, Vergötzung des Augenblicks und seines enthistorisierten wie euphorisierten Adepten.
Was meint hier "Verherrlichung und Vergeistlichung"? Auf welchen Weg begibt sich die Ausstellung mit dem doppelten "Heilig"? Es geht nicht um jenes "Geistige in der Kunst", das mit und seit Kandinsky die "Weltsprache der Abstraktion" für sich reklamiert. - Je abstrakter, je konzeptioneller ein Bild, desto Geistiger? Es geht nicht um diffuse Transzendenz, noch um irgendwelche mystischen Wahrheiten. Es geht auch nicht um eine Erfindung neuer Helden und vermeintlicher Idealgestalten. Verherrlichung meint hier im Bild oder Bildnis zum Ausdruck gefundener Gott. Ein Anfang.
Eher eine Suchbewegung, denn eine Bilanz.
Welche unter den heute arbeitenden Künstlern widmen sich der Frage nach dem Heiligen heute? Und wie steht es überdies mit dem Verhältnis von Kunst und Wahrheit? Gibt es eine Kunst, die Anspruch über eine ästhetische Wirkung hinaus in Richtung "kosmischer Harmonie" erhebt?
Die zwölf ausgewählten Künstler und Künstlerinnen - Ana Banica, Frank Bauer, Michel Carré, Dimirij Dihovichnij, Frank van Hemert, Tobias Hermeling, Judith Maria Kleintjes, Razeea Lindner, Michael Strauss, Thomas Virnich, Jindrich Zeithamml und Wolfgang Schäfer als dem einladenden und die Ausstellung konzipierenden Künstler - nähern sich dem Thema aus dem vollen Lauf ihrer freien, künstlerischen Arbeit. In Ihrer individuellen Entwicklung, ihrer unterschiedlichen Formensprache und thematischen Wahl umkreisen sie das "Heilige" wie Planeten die Sonne. Keine Frage war es allerdings, in welcher Weise und inwieweit sich die vorgestellten Arbeiten auf das Ausstellungsvorhaben und sein besonderes Thema beziehen. Mal steht das (christliche) Motiv unübersehbar im Vordergrund - Kreuz, Christusfigur und Madonna - mal entspringt das Werk dem spirituelle Lebensbezug des Künstlers. Allesamt sind es autonome Arbeiten, entstanden aus freier, künstlerischer Praxis, die hier zu einem großen Tableau einer neuen Verherrlichung und Vergeistigung vereinigt sind, das Sinnliche als Gleichnis und Zeichen für das Unbenennbare zu erkennen und Schönheit auf eine übergeordnete Wahrheit hin zu untersuchen.
Carl Friedrich Schröer














































